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| Foto: GMD |
Sie schreibe sich "den Schreck von der Seele",
hat Gisela Steineckert einmal gesagt. "Noch immer." Den
Schreck über die Schwierigkeit der Liebe, die Frage nach dem
Möglichen, die Probleme des Alltags. Schreiben, das sei ein
Teil von ihr, "wie meine Hand oder mein Herz", wie es
in ihrem jüngsten Prosaband "Alt genug, um jung zu bleiben"
heißt.
An diesem Sonnabend feiert die Schriftstellerin
ihren 75. Geburtstag. Und hat auch das zu ihrem Thema gemacht, so
wie es stets das "ganz normale Leben" ist, das sie in
Gedichte, Prosa, Hörspiele, Drehbücher oder Liedtexte
gießt. "Das Schöne am Alter", sagt Gisela Steineckert,
"ist die Gelassenheit. Und die Erkenntnis, dass alles, was
einem einmal gut getan hat, immer noch gut tut."
Die ehemalige Sprechstundenhilfe ist das, was man
so gern als Autodidaktin bezeichnet. Anfang der 60er Jahre war sie
Kulturredakteurin beim "Eulenspiegel", hat dann in erster
Linie freischaffend gearbeitet. Neben Lyrik und Prosa waren es vor
allem ihre insgesamt etwa 2800 Liedtexte, die die Steineckert berühmt
machten. So schrieb die Mitbegründerin der Singebewegung unter
anderen für Frank Schöbel, Veronika Fischer und Dirk Michaelis.
"Ich kann nur für Interpreten arbeiten, die mich auch
persönlich interessieren", sagt sie. Und das gilt bis
heute: Für Angelika Neutschel, Gaby Rückert oder Jürgen
Walter, mit dem sie in jungen Jahren einmal liiert war, fällt
Gisela Steineckert noch immer etwas ein.
Vielleicht auch, weil sie regelmäßig
mit ihnen auf der Bühne steht. Gut 150 Auftritte und Lesungen
absolviert die Autorin im Jahr. "Das Schreiben allein reicht
mir nicht aus. Ich muss beides haben." Der Weg zum Publikum
ist für sie dabei auch immer der Weg zu sehen, wie andere leben.
"Ich will verständlich sein. Und dazu muss ich das, was
im Leben der Menschen passiert, auch zu verstehen versuchen."
Eine Dichterin im Elfenbeinturm, das will die Steineckert nicht
sein. Dazu ist sie auch viel zu dicht an allem dran. An den Frauen
zum Beispiel. "In meiner Jugend war ich auch eine dumme Gans,
habe mich in Konkurrenz begeben. Später habe ich gelernt, dass
die Freundschaft zu einer Frau eine große Kostbarkeit ist."
Nachdem nach der Wende die "Kunst an den Rande
geschoben" worden sei, weil "anderes wichtiger war",
spürt Gisela Steineckert jetzt, dass ihre "Art zu reden"
wieder ein Echo findet. Und gibt offen zu, dass sie selbst sich
in erster Linie als ostdeutsche Autorin sieht. Nicht, dass sie es
nicht im Westen probiert hätte. Dort jedoch kennt sie keiner,
muss sie "zu viel Vorarbeit leisten". Im Osten fühlt
sie sich gebraucht: "Dort bin ich zu Gast, hier zu Hause."
Auch, wenn es Brüche gab. Viele Jahre war sie
Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst - klar,
dass sie da nach der Wende auch in der Kritik stand, sich mancher
ungerecht behandelt fühlte. Gisela Steineckert weist dann
gern in die andere Richtung, erzählt so von den "wunderbaren"
Chansontagen in Frankfurt (Oder), durch die einige Sänger -
Gerhard Gundermann zum Beispiel - aus den "Schwierigkeiten"
geholt werden konnten.
Sie habe sich manchmal davor gedrückt, die
Grundlagen in Frage zu stellen, gestand die Autorin vor einigen
Jahren. Heute sei sie tapfer genug, ihr "Visier zu heben und
zu zeigen: Das war mein Leben, das waren meine Irrtümer, meine
Feigheiten". Das Wichtigste bleibt für die Mutter einer
Tochter bei alldem die Familie, ihr Mann, mit dem sie seit 34 Jahren
in "glücklicher Ehe" lebt. "Nicht jammern, sondern
genießen", heißt es darum in ihrem neuen Buch.
"Das Alter hindert daran am wenigsten."
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Mit 75 Jahren kann man sich allmählich Gedanken
über das Alter machen. Nicht darüber, dass dauernd etwas
wehtut. Gegen Schmerz ist niemand gefeit. In der Jugend bereite
man ihn sich nur öfter selbst, glaubt Gisela Steineckert, die
heute ihren 75. Geburtstag mit einem neuen
Buch feiert: «Alt genug, um jung zu bleiben» .
Die Berliner Schriftstellerin und Lyrikerin, Liedautorin und Szenaristin
hat schon mit viel Fein- und Hintersinn das Schöne an den Frauen,
den Männern und natürlich der Liebe beschrieben. So ist
es auch nicht verwunderlich, dass in ihrem Loblied aufs Alter noch
immer Frauen und Männer und die Liebe eine Hauptrolle spielen.
Dabei immer in den Umrissen der Welt.
Und doch gibt es auch Erkenntnisgewinne, die allein dem Alter zuzuschreiben
sind: «Ich bin alt genug, um jeden Menschen umarmen zu dürfen,
wenn ich das möchte» , freut sie sich in einer der kleinen,
verblüffend offenherzigen Geschichten, die in dem Buch versammelt
sind. Und: «Ein schöner Gewinn des Alters ist, dass die
vorher einengenden Regeln aufgehoben scheinen.»
Es ist eine warmherziger übermütiger Blick auf das Alter,
nicht nur auf das eigene von Angst vor Vergreisung ist nichts
zu spüren. Stattdessen ist es eine Rückschau, die nicht
vernebelt. Klug, humorig und selbstironisch bisweilen. Gelebtes
wird nach seiner Bitterkeit, Tristesse und Süßigkeit
abschmeckt: die Eile in der Jugend, die Überforderung in mittleren
Jahren, Begehrtheit und Begehrlichkeiten, die «Frieda Duckmaus»
in der Seele. Und die Bürde von Ämtern, in denen du zu
viel siehst und zu viel einsiehst und zu wenig tun kannst.
Der Mensch lebt an der Grenze des Alters nicht nur mit dem Stolz
auf das, was er geschafft hat. Das Unverzeihliche und das Unverziehene
unterliegen nicht der Gnade des Vergessens» , schreibt sie,
die mit ihren Büchern jährlich zu 150 Lesungen eingeladen
wird und doch fürchtet, dass immer weniger Köpfe und Bücher
zusammenstoßen. Auch in Lausitzer Landen ist sie oft unterwegs.
Zuletzt zog sie gemeinsam mit Veronika Fischer auf Gut Saathain
im Elbe-Elster-Kreis liebevoll-ironisch «Über Männer
und uns» her: «Zwei Stunden voller gesungener und gesprochener
Poesie, melodisch auch die Texte» , beschrieb RUNDSCHAU-Autor
Jürgen Weser seine Eindrücke.
Seit den 50er-Jahren freischaffend, veröffentlichte Gisela
Steineckert 45 Bücher, schrieb weit mehr als 2000 Liedtexte.
Von 1984 bis 1990 war sie Präsidentin des Komitees für
Unterhaltungskunst. Nach der Wende wurde sie Mitglied des Demokratischen
Frauenbundes und übernahm bis 1994 den Vorsitz. Vor allem aber
schreibt sie, liest oder plaudert mit ihren Lesern. Sie wollte nie
eine Schreiberin werden, genauso gut hätte sie Atmerin werden
können, flachst sie in ihrem neuen Buch: «Lesen und Schreiben
habe ich nie als Vision erlebt. Es war Teil von mir, wie meine Hand
und mein Herz.»
Was das Alter betrifft, das Wort müsste eingetauscht werden
gegen ein werbewirksameres, schlägt sie vor. Alter klinge nach
bergab. Dabei habe man sich doch, trotz mancher Stolpersteine, ein
halbes Leben lang bergauf gemüht. Gewiss steckt sie noch voller
Geschichten über «Das Schöne am Alter» . Ihr
Alterswerk hat sie eben erst begonnen.
Gisela Steineckert: Alt genug, um jung zu bleiben. Das Neue Berlin.
192 Seiten. 12,90 Euro. Gisela Steineckerts Texte gibt es jetzt
auch auf vier CDs als Hörbücher bei Ohreule.
(Ida Kretzschmar)
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Neues
Deutschland vom 13./14. Mai 2006
Das Leben üben, seit 75 Jahren
Am 13. Mai hat die Schriftstellerin Gisela Steineckert
Geburtstag
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| ND-Foto: Burkhard Lange |
Ausgerechnet ich soll Gisela, einer Wortmeisterin,
einer Schriftstellerin, in Form eines Artikels zum Geburtstag gratulieren?
Das wäre genauso, als würde sich Gisela zu gegebenem Anlass
auf die Bühne stellen und mir ein Lied singen. Ich würde
mich darüber freuen, vor allem, wenn sie es in ihrer unverwechselbaren
Operettenart täte. Mit dem langsamen Vibrato, bei dem angeblich
die Familie ausreißt. Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie
kokettiert doch nur damit. Wir beide hatten und haben damit jedenfalls
viel Spaß in den Garderoben vor den Konzert-Lesungen. Seit
vergangenem Jahr sind wir mit »Über die Männer und
uns« unterwegs. Vor den Konzerten ist sie sehr konzentriert,
die eher Stillere. Ich bin die Lautere, das liegt in der Natur der
Dinge. Sie steht schon immer fünf Minuten, bevor die Veranstaltung
beginnt, hinter dem Vorhang. Das würde mir nicht einfallen.
Und dann geht's los. Gisela betritt die Bühne und sagt zum
Publikum: »Sie hätten heute Abend auch etwas Anderes
machen können, aber Sie sind zu uns gekommen.« Per in-ear,
das sind Stöpsel im Ohr, kleine Lautsprecher, höre ich
alles mit. Sehr vorteilhaft, so kann ich meinen Auftritt nicht verpassen.
Ich kenne das Stichwort. Wobei Gisela sehr variiert, da muss man
wachsam sein. Und dann freue ich mich auf die Dialoge, die Gespräche,
ihre Monologe, die sie einzigartig vorträgt, in ihrer unverwechselbaren
Art. Oft überrascht sie mich mit Neuem, ohne es anzukündigen.
Das bringt Spannung und lässt Langeweile nicht zu.
Gisela hat gerade ein neues Buch veröffentlicht
»Alt genug, um jung zu bleiben«. Sie stellt es
unermüdlich landauf landab ihrem interessierten Publikum vor.
Mit 75 eine ziemliche Leistung. Doch Gisela hat einen Schutzengel,
ihre nun auch schon 30-jährige Enkelin Laura-Marie. Die junge
Frau ist ihr stets zur Seite. Fährt sie zu Auftritten, frisiert
ihr das Haar, organisiert ihre Lesungen und sorgt für die nötigen
Vorbereitungen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Kraft
dieses Reisen kostet, ganz abgesehen von zuweilen nervenaufreibenden
Bedingungen vor Ort. Doch: »Man muss den Spuren der Lieder
folgen, da kommt man zu den Leuten.«
Wenn sie dichtet, wenn sie schreibt, ist sie gern
allein, zuhause an ihrem Schreibtisch im Hochhaus, mit dem freien
Blick in die Wolken. Doch dann braucht sie wieder die Nähe,
den Kontakt zu den Leuten, ihren Lesern, ihren Freunden oder den
Frauen, denen sie nach der Wende als Vorsitzende, nun als Ehrenvorsitzende
des Demokratischen Frauenbundes Mut macht. Arbeit für
Gisela Steineckert ist sie (über)lebenswichtig. Sie sei, wie
sie selbst sagt, »einer ihrer ausgeprägtesten Genüsse«.
Bei einem Bühnenprogramm wie »Über
die Männer und uns« bleibt es nicht aus, dass man sich
gegenseitig seine privaten »Erfahrungen« über diese
Spezies Mensch mitteilt. Der erste »Mann« in ihrem Leben
war eher abschreckender Natur. Es war ihr Vater, ein Trinker, der
sie als Kind nicht ein einziges Mal mit ihrem Namen ansprach. Als
sie 1949 ihren ersten Mann, den Bauingenieur Walter Steineckert,
heiratete, war sie gerade 17. Mit Ach und Krach hielt die Ehe, in
der im Mai 1951 Tochter Kirsten geboren wurde, neun Jahre. Danach
folgte eine kurze Ehe mit dem Lyriker Heinz Kahlau. Auch ein Irrtum,
wie sich bald herausstellen sollte. »Der hatte nur eine Angst
ich könnte ein Gedicht schreiben, das besser wär
als eins von ihm«, sagt sie in den »Weibergeschichten«
von Gisela Karau. Ihre mehrjährige private Liaison mit dem
Sänger Jürgen Walter mündete in einer Jahrzehnte
langen Freundschaft, die bis heute anhält. Mehr als 400 Lieder
schrieb sie für ihn. Doch der allerwichtigste Mann in ihrem
Leben ist der ehemalige Rundfunk-Chefredakteur für Musik Wilhelm
Penndorf, Giselas dritter Ehemann. Ende der 60er lernte sie ihn
bei gemeinsamer Arbeit im Funk kennen, 1973 heirateten sie. Ein
Fels in der Brandung. Nicht nur durch seine Körpergröße.
Er ist, soviel ich weiß, knapp zwei Meter groß. Ein
Mann zum Anlehnen, ihr Lanzelot. Den muss man erst Mal finden! Er
hängte den Beruf an den Nagel, um ihr den Rücken frei
zu halten. Und er kocht gern, mit Vorliebe leckere Süppchen,
die Gisela besonders mag. Also, ein seltenes Exemplar. Er kann nämlich
mit einer starken Frau leben und ihr den nötigen Freiraum für
ihre Kreativität lassen, sie bei Bedarf unterstützen.
Beneidenswert! Bei Nachfrage kann Gisela mir, trotz durchaus kupplerischer
Veranlagung, kein entsprechendes Exemplar vermitteln. Wie schade!
Gisela ist immer eine starke Frau gewesen, und das
war nicht nur zu ihrem Vorteil. Sie hat sich gern eingemischt und
an vorderster Front gekämpft. Wer die Bühne betritt, muss
damit rechnen, nicht verstanden zu werden. Das hat sie bitter erfahren
und lernen müssen im nunmehr geeinten Deutschland. Sich neu
orientieren zu müssen, als Sozialistin in der freien Marktwirtschaft.
Willkommen im Kapitalismus! Ich habe da schon zehn Jahre früher
geübt und immer noch meine Schwierigkeiten. Wir beide gemeinsam
auf der Bühne für Einige ist das unvorstellbar.
Ich habe die DDR 1981 verlassen, aus unterschiedlichen Gründen.
Nachzulesen ist das in Giselas Buch »Diese Sehsucht nach Wärme«.
Sie eine DDR-Vertreterin aus Überzeugung, Vorstandsmitglied
des Berliner Schriftstellerverbandes, Präsidentin des Generalkomitees
für Unterhaltungskunst, SED-Mitglied seit ihrem 37. Lebensjahr.
»Ich habe die DDR geliebt und denke gern an sie zurück,
auch wenn ich sie nicht wiederhaben möchte«, sagt sie
heute. Und grübelt über ihre und Anderer Irrtümer.
Und macht es sich nicht leicht damit.
Ich ging nach dem Tod meines früheren Texters
Gerulf Pannach im Jahr 2000 auf sie zu, auf der Suche nach neuen
Textideen. Mir fielen die schönen Texte für Jürgen
Walter ein, für den sie lange schrieb und noch schreibt. Es
gab sofort einen Draht zwischen uns und so entstanden die ersten
Lieder wie »Tief im Sommer«. Dann gab es die Idee des
Buches. Ursprünglich sollte es eine Autobiographie sein. Ein
Verlag bot es mir zu meinem Fünfzigsten an. Ich fragte Gisela
und sie ging darauf ein. Es wurde ein Porträt über mein
Leben. So lernten wir uns auch persönlich näher kennen.
Es sollte, nach ihrer Aussage, eines ihrer schwersten Bücher
werden. Erklären muss sie das selbst. Ich kann da nur vermuten,
dass es unsere verschiedenen Lebensläufe waren, die ja automatisch
auch von ihr Vergangenheitsbewältigung und neue Betrachtungsweisen
erforderten. Unterschiedliche Sichten sollten nicht zwangsläufig
eine Freundschaft unmöglich machen. Unvoreingenommenheit und
natürlich die Kunst können da eine Brücke sein. Wir
stellten mit Erstaunen fest, dass wir trotz Unterschiedlichkeiten
eine Menge Gemeinsames entdeckten. Das wäre ein Vorbild für
das Zusammenwachsen in unserem angeschlagenen Deutschland oder für
die Integration unserer Einwanderer. Ich gehöre zu den Dinosauriern,
die sich als Sänger der so genannten Unterhaltungskunst bemühen,
gute lyrics zu singen. Deshalb landete ich bei Gisela Steineckert,
die für mich eine der besten Texterinnen in unserem Land ist.
Man sollte an einem Lied arbeiten wie an einem Theaterstück,
ist ihre Überzeugung. Und der Interpret muss das Seine dazu
tun, als gleichberechtigter, mitdenkender Partner. Vielleicht ist
deshalb die Liste der Interpreten, für die Gisela schrieb,
auch gar nicht so lang. Uschi Brüning kommt darin vor, Kurt
Nolze, Angelika Neutschel, Eva-Maria Pieckert, Frank Schöbel
und natürlich Jürgen Walter.
Gerade arbeiten wir an einer neuen Konzert-Lesung.
»Weh dem, der liebt (Es sei denn: mich)« soll sie heißen.
Gisela schwärmt schon seit geraumer Zeit von wunderbaren Einfällen
dafür. Ab Juni soll's losgehn. Ich werde aus meinem Lieder-Pool
geeignete Titel auswählen und zwischen den schönen Dialogen
und Monologen vortragen.
Doch hier und an diesem besonderen Tag geht es allein
um Gisela. Seit 75 Jahren übt sie nun schon dieses, ihr Leben.
Mit vier konnte sie lesen, mit zehn schrieb sie ihr erstes Gedicht.
Geboren als zweitältestes von insgesamt vier Kindern eines
Dienstmädchens im damaligen Berliner Armenviertel Ackerstraße,
hatte sie dennoch die Chance, nach Kriegsbeginn gemeinsam mit Bruder
und Schwester einige glückliche Kindheitsjahre im oberösterreichischen
Wildenau zu erleben. Glück, das war für die Neunjährige,
regelmäßig zur Schule gehen, lesen und auch mal träumen
zu dürfen. Nach dem Krieg kehrte sie nach Berlin zurück,
begann eine Lehre als Industriekaufmann, arbeitete als Sprechstundenhilfe
und Sachbearbeiterin, später als Autorin für den Eulenspiegel,
das Magazin, die Sibylle oder das Jugendmagazin neues leben. Sie
schrieb Drehbücher für Filme wie »Auf der Sonnenseite«
oder »Liebe mit 16«, Dutzende Hörspiele, 43 Bücher
sowie Gedichte und Liedtexte in unglaublicher Zahl. Die genaue Zahl
ist nie wirklich reell, da sie bereits heute wieder zwei neue geschrieben
haben könnte. Ich kenne keinen Kreativen, der so schnell so
gut schreibt. Ich liebe ihre Gedichte und bedauere, sie nicht in
jedem Fall singen zu können. Da gibt es Liedgesetzmäßigkeiten
und das funktioniert nicht immer. Aber dafür gibt es dann die
speziell für mich geschriebenen wunderbaren Texte wie »Dünnes
Eis« oder »Ein Winter ist mir widerfahr'n«.
Der Flieder beginnt langsam zu blühen, an ihrem
Geburtstag steht er entweder in voller Blüte oder ist gerade
verblüht. Es sind ihre Lieblingsblumen, die leider in der Vase
sehr schnell ihre Pracht verlieren. Also müsste man ihr einen
Baum schenken. Was Gisela von mir bekommt, verrate ich aber nicht,
außer, dass es ihr beim Schreiben ein wohliges Gefühl
geben soll. Liebe Gisela, ich wünsche Dir »noch zehn
Leben« bei guter Gesundheit, so wie Du es in einem Deiner
Verse einmal beschrieben hast. Ein nicht ganz uneigennütziger
Wunsch. Das mögest Du mir als Interpretin Deiner Texte verzeihen.
Deine Veronika Fischer.
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Freie
Presse vom 12. Mai 2006
So hartnäckig können Frauen sein
Produktiv wie eh und je: Die Autorin und Songschreiberin
Gisela Steineckert wird morgen 75
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Von Ruhestand will Gisela Steineckert nichts wissen.
Rastlos tourt sie durch den deutschen Osten. Allein im Mai ist die
Autorin, die morgen 75 wird, ein gutes Dutzend Mal zwischen Rostock
und Chemnitz unterwegs. Die Menschen kommen in Scharen, denn sie
bietet außer populären Strophen, pfiffigen Geschichten
auch Lebenshilfe. Das große Echo motiviert sie: Schreiben
im Osten ist jetzt ein Versuch, die Leute bei ihrer Fähigkeit
zur Selbsthilfe zu packen. Sie müssen lachen und weinen, damit
die Kruste nicht gar zu dick wird.
So agil Gisela Steineckert ist, so produktiv war
sie stets. Rund 40 Bücher publizierte sie bisher. Ein Gutteil
beinhaltet Gedichte sowie Chansons, die sie eigens für Gisela
May, Uschi Brüning und Angelika Neutschel maßschneiderte.
Nicht wenige davon haben mittlerweile den Status von Evergreens
erreicht. Eng wirkte sie mit dem Schlagerkomponisten Arndt Bause
und dem Oktoberklub zusammen.
Steineckerts Gebrauchspoesie zeichnet sich durch
Mutterwitz und milden Feminismus aus. Vor allem Leserinnen zieht
diese Mischung magisch an: Sie sind sich bewusst, dass ich
etwas von ihnen weiß, mich für sie interessiere, für
die Katholikinnen ebenso wie für die Lehrerinnen. So
hält sie Frauen für ihr eigentliches Biotop.
Ungeachtet ihrer Erfolge gilt Gisela Steineckert
als umstritten. Heftige Diskussionen entbrannten vor allem 1996
nach der Veröffentlichung ihrer Autobiographie Die blödesten
Augenblicke meines Lebens, in der sie trotzig betonte: Ich
habe die DDR geliebt. In meinem Land war die Miete billig, die Kunst
hatte bedeutende Züge, und der Charakter der Menschen war weniger
verkommen als in der großen, weiten Welt. Ehemalige
Bürgerrechtler fühlten sich davon provoziert. So erinnerte
die Liedermacherin Bettina Wegner an Steineckerts Rolle als Oberzensorin
im Amt der Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst
beim Kulturministerium, das sie bis 1990 inne hatte.
Inzwischen rückt Steineckert merklich von früheren
Positionen ab. So sagte sie: Die DDR war zwar meine Heimat
und ich habe dort gern gelebt, aber dennoch will ich sie nicht zurückhaben.
Sympathie für das absehbare Leben im SED-Staat
mit seinen kalkulierten Risiken und seinen engen Grenzen für
Abenteuer, Einfälle und Eigenart bringt sie nur noch
begrenzt auf.
Nach 1989 fiel die Autorin wie viele ihrer Kollegen
in ein tiefes Loch, weil Verlage schlossen und bereits gedruckte
Bücher auf Wühltischen landeten. Doch die als Berliner
Proletenjöhre geborene Frau hat Durchsetzungsvermögen
bewiesen, das sie an ihre Geschlechtsgenossinnen weitergeben will
denn sie weiß aus Erfahrung genau: Heute braucht
man als Frau mehr denn je Hartnäckigkeit und Courage.
(Ulf Heise)
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Für ihre Neuerscheinungen zahlt
man wieder stolze Preise: Autorin Gisela Steineckert.
Foto: S. Schweizer
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Berlin(OZ)
Fast 40 Bücher und 2800 Lieder hat Gisela Steineckert bisher
geschrieben. Ihr letztes Buch Der Mann mit der goldenen Nase"
veröffentlichte sie mit dem Schlagerkomponisten Arndt Bause.
Zurzeit arbeitet sie an einem Buch über Veronika Fischer. Danach
freut sie sich auf Das Schöne an den Männern",
den 3. Teil einer Trilogie (nach: Das Schöne an den Frauen"
und Das Schöne an der Liebe.").
Im Osten der Republik ist die agile Frau
eine öffentliche Person. Ihre Bücher, Gedichtbände
und Breviers finden sich in den Regalen junger wie reifer Frauen.
Kirchenchöre singen das Lied vom Einfachen Frieden",
das sie für Kurt Nolze schrieb. Wer Clown sein"
sagt oder augenzwinkernd Schallala - Schallali", weiß
Bescheid: Jürgen- Walter-Hits.
Weil sie in ihren Texten Einblicke gewährt
in Leben und intimste Konflikte, Fehler bekennt, Fragen nie verschweigt,
nicht nachläßt im Suchen von Antworten, wird sie gelesen,
geliebt, um Rat gefragt und immer wieder eingeladen. Und weil Gisela
Steineckert (als Berliner Proletenjöre aus'm Julli jekrochen")
nach eigenem Bekunden nie ein unpolitischer Mensch" war,
dies aber immer laut, wurde sie angreifbar. Gründungsmitglied
des Oktoberklubs, Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst,
Vertraute von Ministern ... - all das hielt man ihr nach der Wende
immer wieder vor. Gisela Steineckert spricht vom Oktoberklub als
einer schönen Zeit, an die ich oft zurückdenke".
Bettina Wegner spricht von ihr als Oberzensorin". In
der Unterhaltungsbranche der DDR kursierte Königin Mutter".
Gisela Steineckert setzt sich selbst
immer wieder öffentlich mit ihrer Vergangenheit auseinander:
Also war ich eitel, dumm und unerfahren genug, mir diesen
Rucksack aufbinden zu lassen", sagt sie zu ihrem früheren
Amt als Präsidentin, listet Ziele auf, die sie hatte und bekennt:
Nichts davon habe ich erreicht." Selbstbewußt und
ein wenig genervt: Ich arbeite weiter - so gut ich kann -
was soll ich denn sonst machen? In der Hoffnung, ich finde heraus,
was da Scheiße war!"
1990 fiel sie wie viele ihrer Kollegen
in ein tiefes Loch. Sie rappelte sich auf und suchte Kontakte zuerst
zu jenen, die ihr immer am nächsten waren: Die Frauen
sind mein Biotop", sagt Gisela Steineckert. Sie sind
sich bewußt, daß ich etwas von ihnen weiß, mich für
sie interessiere - die Katholikinnen ebenso wie die Staatsbürgerinnen
oder die Lehrerinnen." Dass ihre Bücher damals, als alles
nach Bananen rief und die Koffer für Mallorca packte, nicht
im Ramsch landeten, ist das Verdienst ihres Ehemannes. 1990 kratzte
er alles Ersparte zusammen" und rettete landauf-landab die
Bestände vorm Wühltisch. In Bibliotheken, Frauenzentren,
Schulen und Verbänden ist man heute dafür dankbar. Denn
für Neuerscheinungen und -auflagen zahlt man wieder stolze
Preise.
Die Schriftstellerin wird am Sonntag
70. Mit ihrer Verwurzelung in der Leserschaft könnte sie es
sich gutgehen lassen. Doch da ruft der Computer, liegt ein Stapel
jungfräulicher Blätter, klingelt das Telefon. In den nächsten
Monaten stehen 10 Lesungen auf dem Plan.
(S. Schweizer)
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Andrang bei der Berliner Schriftstellerin
Gisela Steineckert (l.) auf dem Buchbasar im Rostocker Hof.
OZ-Foto: G. Dehn
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Schweriner Volkszeitung:
"... damit die Kruste
nicht gar zu dick wird"
Die Schriftstellerin Gisela Steineckert
will die Menschen zum Lachen und Weinen bringen
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32 Prosawerke und etwa 2000 Liedtexte sind
die bisherige literarische Bilanz der Schriftstellerin Gisela Steineckert.
Ihr Name ist aber auch verbunden mit der DDR-Kulturpolitik. Sie war
stellvertretende Vorsitzende des Berliner Schriftstellerverbandes
und später Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst,
ein Gremium, das trotz aller Vorbehalte manches, z.B. Zusammenführungen
von hoher Kunst und Unterhaltung, für das Publikum leistete.
Gisela Steineckert nennt die Etappen ihres Lebens stichwortartig:
1931 in Berlin geboren, im Krieg schickt man sie aufs Land nach
Oberösterreich. In die Trümmerstadt Berlin zurückgekehrt,
absolviert sie eine kaufmännische Lehre, heiratet, die Tochter
wird geboren. Scheidung, später Kulturredakteurin beim "Eulenspiegel",
ab Ende der 50er Jahre freischaffend als Schriftstellerin, ist Liedautorin
(u.a. für Angelika Neutschel, Gisela May, Uschi Brüning,
Jürgen Walter) und Szenaristin für Rundfunk, Film und
Fernsehen. Bis zur Wende erschienen 24 Bücher, in denen es
um das Miteinander der Menschen geht. Die heutige Sicht der Schriftstellerin
auf 40 Jahre DDR, die sie engagiert mittrug und manchmal auch ertrug:
"Die DDR war meine Heimat. Ich habe hier gern gelebt und gearbeitet
und trotz wachsender Unzufriedenheitniemals daran gedacht, ihr,
meinen Freunden und Lesern den Rücken zu kehren. Trotzdem will
ich sie nicht zurückhaben."
Das erscheint auf den ersten Blick als ein Widerspruch. In ihrem
Buch "Die blödesten Augenblicke meines Lebens" (1996)
gibt sie darauf eine Antwort: "Einer der Gründe, warum
ich die DDR nicht mehr zurückhaben will: Sie hat uns als Einzelne
unterfordert." Als Beispiel erwähnt sie die Präsidentschaft
im Unterhaltungskomitee. "Es ging dabei, wie bei einer Gewerkschaft,
darum, bessere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel Pässe und Auftrittsmöglichkeiten,
für die Künstler zu erreichen", erinnert sich Gisela
Steineckert. "Leider konnten wir nur in Einzelfällen helfen.
Solche Projekte wie eine eigene Hochschule für Unterhaltungskunst
oder einen speziellen Lehrstuhl an der Humboldt-Uni blieben im Gestrüpp
der ignoranten Parteibürokratie hängen", bedauert
sie.
Hartnäckigkeit und Courage
"Jetzt", leitet die Schriftstellerin in die Zeit danach
über, "braucht man wieder Hartnäckigkeit und Courage".
Der Autorin steht dabei ihr Mann Wilhelm Penndorf, ehemaliger Chefredakteur
Musik bei Radio DDR, als geistiger Katalysator und Kamerad seit
25 Jahren zur Seite. 1979 opferte er - was damals ganz untypisch
und mutig war - die berufliche Karriere für seine Frau.
Wie viele Schriftsteller fahren die Eheleute heute von Berlin aus
zu Buchlesungen mit anschließender Lebensberatung bis in die
entferntesten Winkel vorwiegend der neuen Bundesländer. Dabei
nehmen sie nicht selten bis zu siebenstündige Autofahrten in
Kauf. Versöhnt werden sie dann vom Publikum, das sich in Bibliotheken,
Clubs, Cafés oder Theatern versammelt und der Schriftstellerin
regelrecht jedes Wort von den Lippen abliest. Neben der Befindlichkeit
der Ostdeutschen ist ihr Lieblingsthema vor allem die neue "Weiberwirtschaft",
die immer noch oder sogar stärker benachteiligten Frauen. Nahm
Gisela Steineckert zum alten DFD eher eine distanzierte Haltung
ein, so engagierte sie sich nach der Wende als 1. Vorsitzende im
erneuerten demokratischen frauenbund e. V. (dfd). Jetzt ist sie
Ehrenvorsitzende.
Das neueste Buch von Gisela Steineckert "Und dennoch geht
es uns gut" (1998) stellt eine Briefsammlung der Jahre 1992
bis 1998 dar, denn Briefe waren ihr erster naiver Einstieg in die
Literatur, und sie hat dieses Genre immer wieder gepflegt. Adressaten
sind u. a. linke Frauen im Westen wie Alice Schwarzer ("Emma"),
aber auch Ost-Frauen wie die Schriftstellerin Eva Strittmatter oder
Ministerin Regine Hildebrandt, die sie alle in das große emanzipatorische
Netzwerk einwebt.
In einem Brief an den "Wessi Wilhelm Fink" vom 1. November
1994 faßt Gisela Steineckert zusammen, warum sie sich so engagiert
für die Abgewickelten und Benachteiligten einsetzt, die sogar
ihre Biografien verleugnen sollen: "Schreiben im Osten ist
jetzt ein Versuch, die Leute bei ihrer Fähigkeit zur Selbsthilfe
zu packen. Die Leute müssen lachen und weinen, damit die Kruste
nicht gar zu dick wird."
(Bernhard Schneider)
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