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Der Gefährliche oder Das Siebte
Es ist sehr lange her.
Ich hätte nicht gedacht, dass bis heute darüber
geredet wird.
Wörter wie "Massenmedien" gab es
noch nicht.
Wieso wusste ich dann, wie der Gefährliche
aussieht? Ich kann ihn doch nie gesehen haben, denn hätte ich
ihn gesehen, da hätte er mich gesehn und es war um mich geschehn.
Hat meine Mutter ihn gesehen? Warum sonst hätte
sie ihn so zu fürchten gewusst?
Vielleicht war Mama sehr klug. Und hat ihn sich
vorgestellt, ohne ihn selber gesehen zu haben. Den, der so viele
Bekannte und Verwandte gefressen hat. Vor allem unsern Vater. Den
habe ich auch nie gesehen. Aber es gibt kein Wort, das beweist,
es habe Vater wirklich gegeben. Es gab vielleicht gar keinen "unser
Vater". Sondern sieben Väter für siebenmal dieselbe
Mutter.
Ich kam zuletzt. Ich war das Kleinste.
Und ich wusste, dass der Uhrenkasten hohl ist. Das
war klug, nicht wahr? So konnte ich alle meine Geschwister retten.
Das hätte nie jemand von mir gedacht. Aber
ich bin unsterblich geworden, weil ich mich im einzig richtigen
Moment erinnerte. Ich erinnerte mich! Es ist müßig, darüber
nachzudenken, oh man es klug nennen kann, weil ich vorher viele
Male im selben Uhrenkasten verschwand, wegen wenig oder keiner Klugheit,
wo Ohrfeigen oder langer Rede kurzer Sinn absehbar wurden. Ich bin
auch oft im Uhrenkasten verschwunden, wenn ein Älterer was
angestellt hatte. Als Kleinster ist man nie sicher.
Dass ich auf die Welt gekommen bin, hat wahrscheinlich
niemanden gefreut. Unsere Mutter war gut, aber sie konnte nur so
gut sein, wie das Gras und die Milch reichten und der Winter nicht
zu kalt war.
Aber bei uns reichte und langte es hinten und vorne
nicht. Selten war es warm genug im Magen und in der Stube.
Außer dem Bäcker habe ich in meiner Mordsstory
nur noch einen einzigen Mann erlebt und sollte doch lernen, selber
ein guter Bock zu werden.
Ich wuchs auf als der Schwächste, der die anderen
niemals einholen konnte, der Letzte am Tisch, der nicht sagte, ohne
dass die anderen gleich schrien, das wüssten sie längst
und besser.
Unsere Mutter pschschte dann herum, aber das tröstete
mich auch nicht. Ich wär gern mal ganz allein gewesen. Und
hätte gesungen, denn meckern konnte ich schon von Geburt an.
Das reichte mir aber nicht, mein Herz wurde nicht froh dabei, dass
mir Meckern gar keine Mühe machte, sich auch mit den Stimmen
aller anderen so leicht vereinen ließ. Aber niemals kam der
Augenblick, wo ein anderer oder ich hätte singen können
und es wäre ein großes Lauschen gewesen, alle hätten
es natürlich gefunden. Wenn die Mahlzeiten ausgeteilt wurden,
meckerten wir, und die Mutter meckerte zurück.
Ehe wir einschliefen, meckerte Mutter uns noch einmal
zu über den ganzen Tag und wie wir da gewesen waren, und wir
meckerten zurück bis zum Einschlafen. Die andern schliefen
ein, aber ich lag da und dachte nach über meine Stimme, mein
armseliges Bärtchen und meinen Körper, der stärker
wurde, aber der kleinste und schwächste im Haus blieb.
Ich kam nicht an gegen die andern. SIEBEN? Ja, mit
Mutter waren es sieben, und wie sollte ich sie nicht mit unter die
anderen zählen, da doch auch sie mir keinen besonderen Platz
gab, mit meiner Sehnsucht, zu singen und stärker zu sein als
die Geschwister.
(...)
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