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Neues
Deutschland, 29. Juli 2005
Getanzt hat er auch
Dem griechischen Nationalkomponisten Mikis Theodorakis zum 80.
Von Gisela Steineckert
Seit ich aufgehört habe, mit Idolen zu leben, könnte mir
leichter sein. Ist es aber nicht. Die Erinnerung schmerzt. Es gab
Menschen, an deren Handeln und Unterlassen ich mich gemessen habe.
Ging der Vergleich zu den eigenen Ungunsten aus, war es auch in
Ordnung. Und lange nicht zu ändern. Der Trost hieß: Du
kennst diese eine phänomenale Seite, die ganze Sicht würde
das Idol zum fehlbaren Menschen machen. Einer wie du selber.
Das hat funktioniert, aber nicht immer. Mancher blieb rätselhaft
heroisch, schon beim bloßen Gedanken alles übersteigend,
was man sich selber abverlangen würde. So einer war und ist
Mikis Theodorakis. Die Schmerzen, das Erleiden von legitimiertem
Unrecht, die Einsamkeit im Ausgeliefertsein. Nun ist er ein alter
Mann, wird achtzig. Ein solch biblisches Alter war bei seinem Lebenslauf
kaum zu erhoffen.
Mikis Theodorakis, ein Name, der uns hier im Osten vertraut war
wie der von Angela Davis oder wie der eigene. Seine Lieder wurden
von den jungen Leuten gesungen. Viele davon ermöglichten, die
dunkle Seite im eigenen Inneren, für die es im Alltag oft nicht
recht Anlass gab, zu empfinden, vorsichtig oder inbrünstig.
Ich habe die Lieder seiner Mauthausen-Kantate nachgedichtet, nach
den Versen des berühmten Dichters Jannis Ritsos. Worüber
da geschrieben war, das fiel der Seele schwerer als die Suche nach
den genauesten Wörtern in der eigenen Sprache. Als ich angefangen
hatte, konnte ich damit nicht aufhören, die Nachdichtung wurde
tiefe Nachempfindung.
Der Grieche Theodorakis stammt aus einer riesigen Familie, in der
sehr unterschiedliche Weltanschauungen gelebt wurden. Einen Kommunisten
gab es außer Mikis nicht. Die anderen waren, wenn auch abgestuft,
Besitzende oder Besitzer. Das letzte Wort aber hatte immer der jeweilige
Patriarch. Der nahm auch diesen geschundenen Sohn, wenn er gefoltert
heimkehrte, aus Verliesen oder von der umbarmherzig heißen
Insel. Er gab ihn den Frauen, die sollten ihn pflegen, »bis
er wieder tanzt«. In der Musik dieses Künstlers vereinen
sich die eigenen musikalischen Erfindungen mit dem, was das Volk
schon immer klagend, liebend oder zornig sang.
Wir wollten ihn damals befreien, der Junta abjagen, ihn hier begrüßen,
feiern, mit ihm singen, ihm zeigen, wie wir ihn als Künstler
und als Revolutionär verehrten. Wir waren es nicht, denen er
seine Freilassung verdankte. Und wir wussten fast nichts über
ihn, nur das, was Balkenüberschriften vermitteln können.
Wie selten wir Behauptung und Pathos genauer befragt haben, auch
das geht nach. Auch meine leuchtenden Augen trübten sich durch
Tränen, als ich die Erfahrung seiner Autobiografie machte.
Ich hatte nicht gewusst, dass wir zu seiner Befreiung gar nichts
beigetragen hatten. Ich wusste nicht, dass Theodorakis nicht nur
Musiker ist, sondern auch scheinbar karg berichtender Dichter. Ich
kann mir diesen Mann kaum als untätigen Greis vorstellen, nicht
diesen ungebärdigen Lockenschopf.
Ich habe ihn einmal in Berlin beim Dirigieren aus der Nähe
gesehen, einmal. Vermutlich hätte ich gestottert, wenn er mir
die Hand gegeben und mich angesprochen hätte. Nicht wegen seiner
Kunst, sondern wegen der Summe seines Lebens, wegen seiner Beharrung
trotz Einsicht in die Vorläufigkeit von Siegen.
Einmal war ich in Griechenland und lief neben Männern in KZ-Kluft
und neben dem Sohn des Arztes Lambrakis, der erschossen worden war,
weil er den Friedensmarsch nach Athen wieder aufleben ließ,
das erste Mal mit nur acht Leuten.
Nun waren wir viele Teilnehmer aus vielen Ländern und liefen
die 30 Kilometer, ich in falschen Schuhen, das war beschwerlich,
aber ich gab nicht auf, obwohl Rechtsanwälte, Ärzte und
sogar Richter mit ihren Autos den Zug begleiteten, um Ermüdete
zum Ziel zu bringen, der großen Demonstration im Zentrum von
Athen. Aus den Lautsprecherwagen hörten wir Lieder, internationale,
auch viele von Theodorakis. Und dann eins in unserer Sprache, mit
meinem deutschen Text. Es war ein unglaublicher Moment.
Wenn ich schon keine Idole mehr brauche, so werde ich doch manchen
Namen und auch den von Theodorakis nicht aus meinem ganz persönlichen
Ehrenbuch löschen. Respekt und gute Wünsche für ihn,
wo immer er gerade sein mag. Und Dank für sein Beispiel.
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Neues
Deutschland, 11. Dezember 2002:
Als ob's nicht schon Ärger genug gibt
Frank Schöbel zum 60.
Von Gisela Steineckert
Das hat noch gefehlt. Er hat uns ein anderes Bild von sich gegeben,
ein eindringliches, und wir haben es genommen. Es stimmte mit seinem
Wesen überein. Wenn uns jemand begeistern kann, wollen wir das
so sehen.
Frank als Sänger, als vor Ideen strotzender und meist mitreißender
Ideengeber für gemeinsame Projekte, Frank als Vertoner, als Entertainer,
auch als unbefangener Darsteller. Frank als Lehrer? Ich habe von ihm
gelernt und kann die in die eigenen Versuche reichenden Erkenntnisse
gebrauchen bis heute. Für einen Teil meiner Arbeit hätte
mir keine bessere Begegnung widerfahren können als die mit Frank.
Damals war er: Jung, stark, ein strahlender Typ mit intensiver erotischer
Ausstrahlung und einem unwiderstehlichen Lachen. Dankbar für
jeden Witz oder Gag, aber nur hinter der Bühne.
Ich hatte eine übellaunige Kritik über einen Film geschrieben,
in dem er das einzige natürlich agierende Wesen schien. Im selben
Raum mit ihm war es mir peinlich, und ich machte mich auf eine lange
Nase von ihm gefasst. Aber er lachte, zitierte, und freute sich an
den Einwänden, die nicht weit von seinen eigenen waren.
Ich merkte, das meint der ernst. Er gewann mich durch seine sprichwörtliche
Gutgelauntheit für den viel später verwirklichten Wunsch,
gemeinsam künstlerisch zu arbeiten und, noch viel später,
etwas für die Gesamtheit der Kollegen Unterhaltungskünstler
zu tun. Ihn einen Einwand so entgegennehmen zu sehen, war für
mich belehrend.
Ich habe ihn auch verletzt und getroffen erlebt, aber was ich ihm
wirklich danke, ist eine umfassende Beobachtung, die ich auf meine
Arbeit zu übertragen versuchte. Wie nenne ich das, wofür
er selber zwar die Haltung, aber vielleicht keinen Narren hat. Das
Motto könnte lauten: »Gib alles!! Weniger als alles ist
zu wenig!«
Der Frank hinter der Bühne war oft nervös, zappelig, ich
habe ihn auch fast unbeweglich mit Hexenschuss erlebt und konnte mir
nicht vorstellen, wie er bis zum Bühnenrand kommt. Aber »draußen«
gab es nichts als dieses eine Publikum und den Entertainer, der mit
der Leichtigkeit eines seraphischen Knaben aus der Bühne eine
Ansammlung von Mittelpunkten machte, und wo er auch stand, es war
die Mitte, und wen er gerade ansah, sei es scheinbar, das war der
wichtigste Mensch des Abends. Er ließ alle Gefühle zu, indem
er sie bei sich selber weckte und sie zum Publikum weiterreichte.
Das ist stark, das kann man nicht vorführen, ohne dass eine Haltung
zum Leben, zur Arbeit, und zur Aufgabe der Boden ist, auf dem das
wächst.
Gelernt habe ich von ihm, dass die völlige Hingabe an den Abend
und das Publikum möglich ist - ohne einen einzigen Augenblick
von Privatheit. Das meint: Es ist gearbeitet, wir sind hier nicht
zu Hause, ich bin euer Frank, aber der auf der Bühne. Wer das
auszunutzen sucht, trifft mich nicht an. Wie macht er das? Ich habe
ihn oft gesehen, wenn der Zauber eintrat, wenn ihm alles gelang, die
große Stille und der alberne Gag. Dann habe ich aufgehört
zu beobachten, dann war ich wie das Kind vorm Kasperle. Du musst dein
Publikum lieben und ernst nehmen, sonst bleibt es Bühnenschau
mit Gaststar.
Denke niemand, die Gabe reiche. Die ist geschenkt. Was er daraus über
die Jahrzehnte gemacht hat, enthielt den ungelungenen Versuch ebenso
wie den höchsten Platz auf dem Treppchen. Er kann schlecht verlieren.
So gesichert ist sein ständig in Experimente verstricktes Selbstbewusstsein
nicht. Jeder Idiot kann mit einer flapsigen Bemerkung alles Erreichte
in Frage stellen. Das ist bei jedem so, der es wagt, das nächtlich
ausgedachte mit Freunden vielbelachte Ganze dann dem Test des Abends
auszusetzen. Wenn du es versuchst, lernst du es fürchten, oder
können.
Frank weiß es nicht, aber ich habe von ihm gelernt, dass es keine
zweitrangige Veranstaltung gibt. Du machst es für Menschen, du
gibst ihnen alles, oder gar nichts. Und sei keinen Augenblick niemand
als dieser private Hansel, der sich mal ans Ohr greift, was vergisst
oder sich durchschummelt.
Bei der Kinderplatte, den Weihnachtsliedern, bei manchem Lied für
ihn und Aurora, oder nur für ihn, habe ich meinen Anteil gut
aufgehoben gewusst. Ich weiß, dass diese manchmal anstrengende
Art, zaudernd zu zweifelnd, beim nächsten Hinweis alles in Frage
zu stellen und also noch einmal Änderungen ins »Fertige«
zu wollen, Teil eines nicht immer so wirkenden, in Wahrheit aber doch
sicheren Weges ist, auf dem man als Liebling der Menge oft und leicht
ins Stolpern geraten kann. Vielleicht ist dies ein Teil unserer herzlichen
Verbundenheit: Wir haben beide nicht vergessen, wo wir hergekommen
sind, und hören nicht auf, dankbar zu sein für Zuspruch
und Treue. Mach weiter, Frank! Gib alles! Auch ich brauche dich noch.
Respekt und gute Wünsche. |
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